SAP S/4HANA – On-Premise oder Cloud?

Autor: Carl-Philipp Müller | Veröffentlicht: 05.08.2019

SAP S/4HANA aus der Cloud oder On-Premise?

Drei Viertel der deutschen Unternehmen nutzen heute eine Cloudlösung. Das ergab der Cloud Monitor 2019 von Bitkom und KPMG. Bei ERP aus der Cloud ist SAP mit dem neuen Flaggschiff S/4HANA vorne dabei. Das heißt aber nicht, dass On-Premise aus dem Rennen ist. Denn SAP S/4HANA steht für jede Betriebsart zur Verfügung. So finden alle Unternehmen genau die Lösung, die ihre digitale Transformation optimal unterstützt. Mit welcher Strategie Sie für Ihre IT planen können, lesen Sie in diesem Beitrag.

Die Mehrheit, nämlich 73 Prozent der 553 befragten Unternehmen mit über 20 Mitarbeitern, setzt eine Cloud-Lösung ein; das sind noch mal sieben Prozentpunkte mehr als im Cloud Monitor 2018. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern darum, wie eine Cloud-Anwendung die Unternehmensprozesse unterstützen kann. Wichtig ist, dass Unternehmen zunächst eine Cloudstrategie entwickeln und entscheiden, welche Geschäftsprozesse von den Vorteilen der Cloud profitieren sollen. Erst danach folgt eine Entscheidung, ob ein Enterprise-Resource-Planning-System (ERP), Kommunikationstools, ein Reisekostenmanagement- oder klassischerweise CRM- oder Produktionsmanagementsysteme zum Einsatz kommen. In jedem Fall bieten diese Cloud-Lösungen entscheidende Vorteile wie Skalierbarkeit und Kosteneffizienz für die Verbesserung oder Etablierung von digitalen Geschäftsprozessen. Vor allem ERP-Systeme wie SAP S/4HANA können die digitalen Prozesse eines Unternehmens voranbringen. S/4HANA steht als On-Premise- und Cloud-Anwendung zur Verfügung und bietet dazwischen verschiedene hybride Bereitstellungsmodelle an. Daher sollten Vorstände, Geschäftsführer und IT-Leiter vorher genau abwägen, was sie mit ihrem ERP vorhaben, wie dieses ihre IT-Strategie weiterbringen soll und welche Rolle ihre Legacy-Systeme dann noch spielen.

Am Anfang war On-Premise

Für die Beantwortung dieser Grundsatzfragen ist es wichtig, die verschiedenen Infrastrukturen der heute möglichen IT-Landschaften zu verstehen. Jahrzehntelang war es üblich, dass Unternehmen eigene Rechenzentren betrieben haben und die Daten im eigenen Haus hatten. Die IT-Abteilung musste dann Wartungsarbeiten übernehmen und bei Störungen Reparaturen durchführen. Vorteil dieser On-Premise-Landschaft war, dass alle Daten auf den firmeneigenen Servern lagen und Unternehmen ihre IT-Prozesse anpassen konnten. Herausfordernd allerdings waren hohe Kosten für die Hardware sowie der enorme Aufwand für die Software-Updates, damit verbunden auch regelmäßige Kosten für Lizenzwartung. Vor allem waren kundenspezifische Softwareanpassungen möglich, aber häufig auch nötig, da nicht für alle Branchen Prozesse oder Industrielösungen zur Verfügung standen. On-Premise-Landschaften hatten meist auch den Nachteil, dass sie nur mit höherem Aufwand skalierbar waren, und spätestens mit dem Aufkommen mobiler Endgeräte im Arbeitsalltag und dem Bedarf an End-to-End-Geschäftsprozessen können die meisten historisch gewachsenen ERP-Systeme nicht mehr mithalten. Wuchs das Unternehmen und wollte es weltweit verteilte Niederlassungen mit unterschiedlichen Regulierungsanforderungen im Konzern konsolidieren sowie mobile Endgeräte mit einbinden, stieg auch der interne Aufwand. Es mussten neue Lizenzen und Hardware wie Server, Storage und Rechenkapazitäten hinzugekauft werden; auch der Wartungs- und Sicherheitsaufwand für die Systeme stieg.

Die Cloud gilt als eine der Antworten auf die steigende Komplexität sowie auf lokale gesetzliche Anforderungen. Denn es etablierten sich Cloud-Lösungen, die kostengünstig eine Niederlassung über den Two-Tier-Ansatz einbinden können. Beispielsweise kann so eine Vertriebsgesellschaft im Ausland schnell über die Cloud an das Core-ERP-System im Headquarter angebunden werden, ohne die zentralen Geschäftsprozesse negativ zu beeinflussen.

Argumente wie Flexibilisierung und Skalierbarkeit sowie häufig auch geringere Kosten durch „Pay-per-Use“ verhalfen der Cloud deshalb zum Durchbruch. Unterschieden werden verschiedene Dienstleistungen, die über eine Cloud bereitstehen und via Browser von jedem beliebigen Endgerät aus nutzbar sind. Am bekanntesten ist „Software as a Service“ (SaaS). Hier stellt ein Anbieter Software in der Cloud wie beispielsweise ein ERP zur Verfügung, das von jedem Endgerät nach einer Authentifizierung von Anwender und Gerät genutzt werden kann. Mittlerweile haben sich weitere Everything-as-a-Service-Lösungen etabliert wie „Infrastructure as a Service“ (IaaS) und „Platform as a Service“ (PaaS). Mit IaaS werden Infrastruktur-, Rechen- und Speicherkapazität bereitgestellt. PaaS bezeichnet Laufzeit- und Entwicklungsumgebungen, über die Tools für die Anwendungsentwicklung bereitstehen. Vor allem für Unternehmen, die schnell ihre IT-Systeme erweitern müssen, um beispielsweise neue Anwendungen oder erweitere IT-Ressourcen für Wachstumsphasen bereitzustellen, sind Everything-as-a-Service-Lösungen ideal, weil sich die Ausgaben im Vergleich zu hohen Anfangsinvestitionen bei On-Premise-Projekten von Capex (Investitionsausgaben) zu Opex (Betriebskosten) verlagern.

On-Premise oder Cloud?

SAP S/4HANA On-Premise oder in der Cloud?

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  • Wie sieht die Zukunft der IT-Infrastruktur für mein Unternehmen aus?
  • Welche Bereitstellungsmodelle gibt es und was passt zu meinem Unternehmen?
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Welche Deployment-Methode passt zu meinem Betrieb?

Diese Everything-as-a-Service-Lösungen können Unternehmen sowohl in einer Private als auch einer Public Cloud nutzen. Die Abgrenzung von Public und Private Cloud erfolgt einerseits über das Hosting-Modell für Hard- und Software, andererseits darüber, wer die Systeme verwaltet. Ein weiterer essenzieller Punkt ist die Unterscheidung über die Art und Weise der Erreichbarkeit – öffentlich über das Internet oder über firmeneigene Netzwerke und VPN.

So können Unternehmen eine Anwendung auf ihren eigenen Servern in ihrem Unternehmen als On-Premise-Lösung oder als Private Cloud betreiben. Bei On-Premise stehen folgende Betriebsmöglichkeiten zur Verfügung:

  • im eigenen Rechenzentrum (Hosting)
  • im Rechenzentrum eines Dienstleisters/Partners (Private Cloud)
  • bei einem Hyperscaler

In allen Fällen ist der Kunde für den Betrieb verantwortlich, kann Teile dieser Verantwortung aber an seine Dienstleister auslagern. Grundsätzlich ist er für die Einrichtung, die Verwaltung, für Wartungsleistungen sowie für die Gesamtkostenbetrachtung verantwortlich. Gleiches gilt für die Anpassung der Datenbank oder die Aktualisierung von Anwendungen.

Bei einem anderen Deployment-Modell nutzen Unternehmen lediglich einen Browser und eine Internetverbindung, um eine Everything-as-a-Service-Anwendung in einer Public Cloud zu verwenden, die der Anbieter wartet. In dieser Variante nimmt SAP dem Kunden die oben genannten Aufgaben des Betriebs und der Bereitstellung von Anwendungen ab. Zudem verlagert sich das Kostenmodell auf laufende Betriebskosten.

Welche Deployment-Methode ein Unternehmen wählen sollte, hängt davon ab, wie weit es seine Geschäftsprozesse an die Cloud-Anwendung anpassen will. Neben dem Opex-Modell sind die Vorteile des Cloud-Deployments die Standardisierung und die Einschränkung von Eigenentwicklungen im Core, womit Unternehmen die Betriebskosten niedrig halten können. Das heißt aber nicht, dass Innovationen im System nicht stattfinden. Im Gegenteil, alle Produktinnovationen der SAP werden zuerst in der Cloudversion zur Verfügung gestellt. Updates spielt das Walldorfer Unternehmen alle drei Monate direkt in das System ein. Die Unternehmen können nun entscheiden, welche dieser neuen Prozesse oder Innovationen sie wertschöpfend für sich übernehmen wollen oder nicht. Entscheidend ist auch eine grundsätzliche Systemarchitekturentscheidung; hier unterscheiden wir zwei Bereitstellungen: erstens ein Stand-Alone-System, in dem alle unternehmensweiten Prozesse auch für unterschiedliche Niederlassungen oder Länder abgebildet werden, und zweitens den Two-Tier-Ansatz, der sich dadurch auszeichnet, dass das Unternehmen ein zentrales On-Premise-Core-System für alle kritischen Geschäftsprozesse vorhält und Ländergesellschaften über dedizierte Cloud-ERP-Systeme angebunden werden.

SAP S/4HANA Deployments – welche Lösung passt zu meinem Unternehmen?

SAP S/4HANA bietet für alle diese Anwendungsbedarfe das Beste in allen Varianten. Die ERP-Lösung lässt sich weiterhin On-Premise mit eigener IT-Infrastruktur oder in einem Rechenzentrum von einem Hosting-Anbieter auf eigenen Servern oder auch über Hyperscaler betreiben. Es steht als klassisches Lizenzmodell für alle Branchen bereit und bietet den breitesten Funktionsumfang von SAP S/4HANA mit individueller Anpassbarkeit und der Möglichkeit zur Modifikation des SAP-Standards; der Kunde entscheidet, ob er die jährlichen Upgrades nutzen möchte, wobei er keines überspringen kann.

In der PaaS-Version als S/4HANA Private Managed Cloud steht wie bei den On-Premise-Varianten der volle Funktionsumfang zur Verfügung. Betrieben wird die Anwendung durch die SAP auf der SAP-HANA-Enterprise-Cloud Architektur (HEC). Optional kann der Kunde aber auch entscheiden, ob er einen der Hyperscaler wie AWS oder Microsoft Azure als Betreiber möchte. Der Kunde ist bei diesen Varianten weiterhin verantwortlich für Applikationen, Daten und den Betrieb, auch wenn er Teile davon an Dienstleister auslagern kann. Der Unterschied zur ursprünglichen On-Premise-Version ist aus Applikationssicht marginal. Lediglich Verantwortungen über einzelne Bereiche können ausgelagert werden, jedoch bleibt es in der Verantwortung des Kunden, ob er Upgrades einspielt oder eine Systemkopie macht. Zusätzlich zu Bring Your Own License (BYOL) ist optional ein SAP-Lizenz-Subskriptionsmodell möglich.

Nun zu den zwei „echten“ S/4HANA-Cloud-Deployment-Modellen: der S/4HANA Cloud Single-Tenant- und der Multi-Tenant-Lösung.

Mit einer Single-Tenant-Lösung nutzt der Kunde exklusiv eine eigene Systemlandschaft und Netzwerkumgebung. In diesem Deployment hat der Kunde die Betriebsverantwortung und die Bereitstellung einer funktionierenden Applikationsschicht an SAP als Dienstleister ausgelagert, im Sinne einer Software-as-a-Service-Lösung. Er hat jedoch aufgrund der exklusiven Nutzung noch weitreichende Freiheitsgrade in der Anpassung und Erstellung von eigenen Programmen; lediglich die Modifikation des SAP-Standards ist eingeschränkt und Third Party Applications im eigenen Namensraum bedürfen der Zustimmung der SAP. Innovationen, die im Zuge von Upgrades zur Verfügung gestellt werden, müssen einmal pro Jahr eingespielt werden. Der Kunde kann hier den Termin frei wählen. Der Zugriff kann über SAP GUI oder Fiori erfolgen.

Mit der S/4HANA Cloud Multi-Tenant-Lösung betrachten wir nun die nach Gartner-Definition echte SaaS-Lösung. Diese zeichnet sich grundsätzlich dadurch aus, dass Freiheitsgrade zugunsten von Standardisierung eingeschränkt sind. Die komplette Verantwortung der Bereitstellung der Applikation liegt bei SAP, somit auch die Verantwortung, funktionierende ERP-Prozesse als SaaS zur Verfügung zu stellen. Das hat logischerweise einige Einschränkungen zur Folge, die aber nicht zwingend von Nachteil sind. Zunächst einmal wird von SAP ein funktionierendes Set von Best-Practice-Prozessen verschiedener Branchen bereitgestellt. Diese Standardprozesse sind nur noch konfigurierbar, aber nicht modifizier- oder veränderbar. Das bedeutet, dass erforderliche Einstellungen für das betriebswirtschaftliche Funktionieren eines Prozesses einstellbar sind, aber der Prozess an sich nicht veränderbar ist. Das führt bei der Implementierung zu schnellen Entscheidungsfindungen, da durch Akzeptanz des Standards individuelle Auswüchse vermieden werden. Letztendlich ist Standardisierung die Grundvoraussetzung, die es SAP ermöglicht, Innovationen in kurzen Zyklen (vier Mal im Jahr) einzuspielen. Dadurch versteht sich von selbst, dass Modifikationen und Eigenentwicklungen im Core ausgeschlossen sind und der Zugriff ausschließlich über Fiori-Applikationen erfolgt.

Aber ist jedes Unternehmen ausschließlich im Standard abbildbar? Sollte sich während der Implementierung in der Phase der Fit2Standard-Workshops herausstellen, dass kundenindividuelle Anpassungen zwingend erforderlich sind, hat SAP aber auch dafür eine Lösung: Die SAP Cloud Platform ist eine Laufzeit- und Entwicklungsumgebung, auf der entweder vorkonfigurierte Microservices der SAP zur Verfügung gestellt werden oder auch kundenindividuelle, eigenentwickelte Applikationen (Apps) nahtlos in die SAP S/4HANA Multi-Tenant Cloud integriert werden können.

Fazit: volle Flexibilität, Skalierbarkeit und Kombinationsmöglichkeiten

Die Bereitstellungsmöglichkeiten der S/4HANA-Lösung entsprechen den heutigen komplexen Anforderungen von Unternehmen in ihren unterschiedlichen Phasen der digitalen Transformation. Kunden mit historisch gewachsenen SAP-ERP-Systemen profitieren von den Konvertierungsansätzen im Bereich der On-Premise-Lösung, um Know-how und Investitionen in ihre SAP-Lösung zu transferieren. Doch können auch radikale, neue Ansätze verfolgt oder Unternehmensprozesse zurück in den Standard überführt werden. Die unterschiedlichen Deployment-Modelle unterstützen sämtliche Varianten einer neuen SAP-ERP-Strategie. Die kontinuierliche Anpassung von Unternehmen an die sich stetig verändernden wirtschaftlichen Gegebenheiten erfordern mitunter die Gründung interner Start-ups oder ein Rollout in andere geografische Regionen. Dies wird optimal durch den Two-Tier-Ansatz unterstützt, bei dem das Unternehmen seine gewohnten Prozesse im On-Premise-System abbildet und diese neuen Unternehmen mit Cloud-Lösungen agil und schnell produktiv setzen kann. Auch im Bereich von Mergers & Acquisitions ist das eine effiziente, zielgerichtete Variante, um ein Unternehmen mit einem ERP-System auszustatten.

Die SAP S/4HANA Multi-Tenant Cloud als Stand-Alone-Lösung ist aktuell vor allem für Komponentenfertiger, Dienstleistungsunternehmen und Finanzdienstleister aufgrund seiner Best Practices auf diese Branchen ausgerichtet und bietet, wie oben beschrieben, immense Vorteile durch kurze Implementierungszeiten, Standardisierung und ständig aktualisierte Neuerungen und Innovationen.

 

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